Schulleiter Guido Tewes im Profil

Guido Tewes leitet seit 2011 das Berufskolleg Bottrop. Hätte er zuvor bei der Bundeswehr nicht früher aufhören können, wäre es wohl anders für den heute 50-Jährigen gekommen. Dort hatte er es bereits bis zum Hauptmann geschafft. Einem Auslandseinsatz im Golfkrieg entging er nur knapp. 

"Der werkenden Jugend. Dem wirkenden Volk“ steht in großen Lettern auf dem mächtigen Rotklinkerbau aus den 20er-Jahren. Das antiquierte Hellblau der Aula und die angedeuteten Balkone erinnern fast an ein Theater. Auch Guido Tewes war durchaus beeindruckt, als er sich die Schule 1995 anschaute und sie kurz darauf als möglichen Wunscheinsatzort für seine Lehrtätigkeit angab. Dabei wollte damals kaum jemand nach Bottrop, erinnert sich der gebürtige Oberhausener: „Man hat mir damals gesagt: Wenn ich Bottrop auch nur an 100. Stelle angebe, komme ich auf jeden Fall dorthin.“ Und so kam es dann auch.

In der Tat erwartete Tewes am Berufskolleg Bottrop eine schwierige Situation: Das Kollegium war gespalten, vieles im Umbruch, die Organisation zum Teil chaotisch. „Mein erster Stundenplan war eine Katastrophe – Springstunden ohne Ende. Aber das Schlimmste war: Ich hatte nicht eine Stunde Wirtschaftsinformatik, für die man mich ja eigentlich eingestellt hatte.“ Tewes ergreift die Initiative, lässt sich die Pläne zeigen und optimiert sie. Er baut eine Schulverwaltungssoftware auf und übernimmt die Stundenplanung nach drei Jahren vollständig. Er wird Moderator für das Landesprogramm „Schulen ans Netz“, geht in andere Schulen und erklärt dort, wie man mit mehreren Rechnern gleichzeitig ins Internet kommt. Tewes wird klar: Er will Schulleiter werden. 

Schon bei der Bundeswehr leitete er bereits mit 24 Jahren als Feuerleitoffizier eine Patriot-Flugabwehreinheit mit Material im Wert von über 150 Millionen DM und 130 Untergebenen, darunter auch viele deutlich ältere Kammeraden. Sein Erfolgsrezept: nicht mit dem Dienstgrad, sondern mit Argumenten führen. „Für mich war das Wichtigste, dass wir schnell einsatzfähig waren, und nicht, dass all meine Soldaten sich den obersten Knopf der Uniform zugeknöpft hatten“, so Tewes. Eine Einstellung, die er auch gegen Vorgesetzte verteidigte. 

Fehlendes Update verhindert Einsatz in Israel 

Bereits nach seinem Abitur 1985 hatte sich Tewes für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Nach der damals noch 18-monatigen Wehrpflichtzeit, die er im Offizierslehrgang absolvierte, studierte er an der Bundeswehruni in Hamburg Wirtschafts- und Organisationswissenschaften und war in acht Jahren an insgesamt zehn Standorten in ganz Deutschland und den USA stationiert. Anfang der 1990er kam der zweite Golfkrieg, und seine Patriot-Raketenabwehr sollte in Israel irakische Scud-Raketen abschießen. Tewes trat mit dem Waffensystem
am Köln-Bonner Flughafen vorm deutschen und israelischen Verteidigungsminister an. Allerdings war das deutsche System veraltet. „Es mussten immer deutsche Hersteller eingebunden werden. Das führte regelmäßig zu Inkompatibilitäten und höherem Entwicklungsaufwand“, so Tewes. Daraufhin hätten die Israelis lieber mit deutschem Geld die amerikanischen Systeme geleast. 

Glück für Tewes, denn drei Jahre später erhielt er unverhofft aufgrund der Wiedervereinigung die Möglichkeit, vorzeitig aus der Bundeswehr Vorwärts, marsch in Sachen Ausbildung – Der Hauptmann vom Berufskolleg auszusteigen. Schon dort hatte er am Unterrichten der Wehrpflichtigen in politischer Bildung Gefallen gefunden. Und sein Vater, der selbst Berufsschullehrer war, sagte ihm mit seinen Kenntnissen in Wirtschaftsinformatikgute Chancen voraus. So begann der kurz zuvor noch zum Hauptmann beförderte Soldat Ende 1993 mit dem eineinhalbjährigen Referendariat in Oberhausen. „Das war schon eine Umstellung, als Hauptmann wieder von vorne anzufangen“, gibt er zu. 

Machte auch bei Guido Tewes Eindruck, als er sich die Schule 1995 anschaute: der Eingang des Berufskollegs Bottrop aus den 1920er-Jahren. Seit 2011 leitet er die Schule.

Wie Manchester United gegen Darmstadt 98 

Ganz andere Herausforderungen erwarten Tewes jedoch heute als Schulleiter. In erster Linie machten ihm die knappen Finanzen zu schaffen. Während an den Berufskollegs im Kreis Recklinghausen oft über 300.000 Euro Budget zur Verfügung stünden, musste er mit 85.000 Euro auskommen. Der Kreis habe einen eigenen Etat nur für die Berufsschulen, während Bottrop als kreisfreie Stadt alle Schulformen mit dem Etat finanzieren müsse. „Das ist wie Manchester United gegen Darmstadt 98“, so Tewes. Am Schulsystem insgesamt prangert er an, dass er keine Gelder für Personalmanagement einsetzen könne, beispielsweise für leistungsbezogene Anreize. Genauso wie die starren Beamtenstrukturen, die verhindern, dass er sich von Mitarbeitern trennen könne. „Die Mannschaft muss zusammen und zur Führungskraft passen“, findet Tewes, der vereinzelt allerdings schon Probleme hat, passendes Personal zu finden. Probleme, die er mit vielen Handwerksbetrieben teilt. 

Die Abnahme der Schüler in dualer Ausbildung zugunsten vollzeitschulischer Angebote beobachtet auch er. Ein Drittel seiner rund 2200 Schüler ist am Berufskolleg Bottrop in der dualen Ausbildung. Nur die Hälfte von ihnen (400) erlernt dabei Handwerksberufe wie Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Elektroniker, Konstruktionsmechaniker, Metallbauer oder Zerspanungsmechaniker. Als Tewes anfing, waren noch zwei Drittel in dualer Ausbildung. Seine Friseurklasse musste er im letzten Sommer einstellen – aus Mangel an Auszubildenden. 

Zwar könne er manche Bertriebe verstehen, die nicht mehr ausbildeten; dennoch müssten sie eigentlich gerade jetzt investieren. Denn schon heute würden gute Leute aus dem Münsterland abgeworben. Zudem gebe die Ruhrkohle keine Azubis mehr ab. „Wenn wir in drei, vier Jahren feststellen, dass Fachkräfte fehlen, ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.“

Gezielte Azubi-Vermittlung

Bei Jugendlichen sei Handwerksmeister für die wenigsten das Berufsziel – zu Unrecht, findet der Schulleiter: „Für viele ist die duale Ausbildung der beste Weg. Viele gehen nur aus der Not heraus weiter zur 
Schule, weil sie vielleicht mit 16 noch keine Ausbildungsstelle finden, sind dann aber demotiviert, brechen ab oder machen nur eine schlechte Fachhochschulreife und erhalten wieder keine Ausbildung.“ Tewes bietet an, auf Betriebsanfrage auch gezielt Schüler zu vermitteln. „Wir kennen unsere Schüler schließlich und wissen, wo deren Potenziale liegen.“

Zukünftig will Tewes seine Schule als Europaschule weiter nach vorne bringen und für Auslandsaufenthalte und -praktika werben. Chinesisch-Unterricht an seiner Schule ist eine weitere Idee: „Bald spricht jeder fünfte Mensch auf der Erde Chinesisch.“ Zusätzlich plant er eine bauliche und ausstattungsmäßige Erneuerung seiner Schule sowie die Weiterbildung seiner rund 130 Lehrer. „Warum sollen die nicht auch gelegentlich in Betriebe gehen, um den Anschluss an die Praxis nicht zu verlieren?“ Es wird also auch in nächster Zeit nicht langweilig für den 50-Jährigen. Aber gerade diese Vielseitigkeit liebe er an seinem Beruf: „Jeder Tag hier ist anders.“

Guido Tewes
... ist seit 25 Jahren verheiratet und lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Oberhausen. Der ältere macht übrigens ein duales Studium der Versorgungs- und Entsorgungswirtschaft mit einer Ausbildung zum Elektroniker.

Autor: Jörn-Jakob Surkemper (erschienen in KH AKTUELL// Nr. 134 // 2 /2017)

Fotos: ©Markus Mucha

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