„ReNo“ in Gefahr - Berufskolleg kämpft um Erhalt eines erfolgreichen Bildungsgangs

In vielen Bottroper Anwaltskanzleien, am Amtsgericht oder auch in öffentlichen Behörden wie der Stadtverwaltung oder dem Finanzamt begegnet man häufig ausgebildeten Rechts- und Notarfachangestellten. Nicht wenige davon haben ihre Ausbildung am Berufskolleg der Stadt Bottrop (BKB) absolviert und viele haben gute Erinnerungen an diese Zeit, die sie optimal auf die vielfältigen Herausforderungen ihrer im Anschluss an die Ausbildung unterschiedlichen Berufswege vorbereitet hat.

Doch mit dieser Erfolgsgeschichte könnte es bald vorbei sein. Der Grund dafür ist die aufgrund zu geringer Schülerzahlen bestehende, aber nun akut gewordene Überlegung, zum kommenden Schuljahr 2019/2020 den Ausbildungsberuf „Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte (ReNo)“ aus Bottrop nach Gelsenkirchen zu verlegen. Eine Überlegung, die nicht nur bei den BKB-Verantwortlichen auf Enttäuschung und Besorgnis stößt.

Vor allem die Bottroper und zu einem nicht unerheblichen Teil auch Gladbecker und Dorstener Kanzleien wären von der Verlegung betroffen, da sie ihre Auszubildenden seit Jahren ans BKB schicken, um eine sehr gute schulische Betreuung zu gewährleisten. „Durch die Verlegung ergeben sich für Kanzleien viele Nachteile“, so Rechtsanwalt Wolfgang Vornerfeld-Sühling, der weiter darauf hinweist: „Alleine durch die verlängerten Fahrzeiten geht den Anwälten wertvolle Arbeitszeit ihrer Auszubildenden verloren – bei zusätzlich höheren Fahrtkosten. Gleichzeitig minimiert sich auch der Bewerberpool, da vor allem junge Auszubildende mehr Schwierigkeiten haben werden, mit dem ÖPNV nach Gelsenkirchen zu kommen.“

Vornefeld-Sühling selbst unterrichtet neben seinen Verpflichtungen in seiner Kanzlei auch als Lehrer am BKB und hat in den vergangenen Wochen diverse Anwaltskollegen angerufen und mit ihnen über die drohende Wegverlegung gesprochen. Der einhellige Tenor dabei: Eine Verlegung ist nicht im Sinne der Kanzleien. Auch Susanne Elsner, die Vorsitzende des Anwaltverein Bottrop e.V., sieht die Verlegung des Bildungsgangs nach Gelsenkirchen kritisch und lehnt sie daher ab: „Im Laufe der Jahre sind viele persönliche Bindungen zwischen Schule und Kanzleien entstanden. Diese Nähe zwischen beiden Ausbildungsorten ginge bei einer Verlegung nach Gelsenkirchen verloren.“

BKB-Schulleiter Guido Tewes stimmt der Position der Anwälte zu und weist gleichzeitig auf den viel diskutierten Fachkräftemangel hin: „Auch wir als Schule haben kein Interesse daran, einen Bildungsgang zu verlieren, der in den letzten Jahren sehr gut qualifizierte Mitarbeiter hervorgebracht hat.“ Gleichzeitig erläutert er aber auch, warum eine Wegverlegung bereits seit drei Jahren im Raum steht: „Die Schülerzahlen in den Klassen sind im Vergleich zu den anderen Ausbildungsschulen des Regierungsbezirks zu gering. Das klingt natürlich paradox, da eigentlich kleine Lerngruppen gewünscht sind. In diesem Fall heißt es aber: Wären mehr Auszubildende da, hätten wir mehr Argumente in der Hand.“

Um Tewes` Einschätzung zu untermauern: Insgesamt werden am BKB 33 Auszubildende in drei Klassen beschult. Dabei stehen neben den allgemein bildenden Fächern vor allem berufspraktische Inhalte auf dem Plan. „Zivilprozessordnung, Rechtsanwaltsvergütungsgesetz und Erbrecht klingen vielleicht auf den ersten Blick sehr trocken, sind aber unglaublich spannend und vor allem auch für den privaten Bereich interessant“, erläutert Vornefeld-Sühling, der genau wie seine engagierten Kollegen mit der Bereichsleitung Anja Schweer an einem möglichen „Rettungskonzept“ für den Bildungsgang arbeitet.

„Das Kernproblem der geringen Schülerzahlen ist kompliziert und nicht einfach zu lösen“, so Vornefeld-Sühling weiter. Einerseits fehlten den Kanzleien passende Bewerber für offene Stellen, andererseits würden viele Kanzleien nicht mehr ausbilden, da die traditionellen Aufgaben der „ReNos“ aufgeteilt würden und somit überflüssig seien. Diesem Argument mancher Anwälte, die im Moment nicht ausbilden, widerspricht Anja Schweer jedoch entschieden: „Nichts geht über eine gut qualifizierte Fachkraft, da diese viele Aufgaben für den Anwalt besser vorbereiten, durchführen und nachbereiten kann.“ Schweer hofft, dass Teile der Kanzleien in Bottrop und Umgebung durch die drohende Verlegung des Bildungsgangs ihre Entscheidung, nicht mehr auszubilden, überdenken, da der gesamte Rechtsstandort Bottrop mit seinen wichtigen Eckpfeilern, wie bspw. dem Amtsgericht und der Jugendarrestanstalt, geschwächt würde.

Von Seiten des BKB versucht man dem Wunsch der Kanzleien Rechnung zu tragen, ausbildungsfähige Bewerber zu akquirieren: „Wir als Schule werden möglichst vielen unserer Schüler, die oftmals unschlüssig sind, welchen Weg sie in Zukunft gehen wollen, den Beruf ,Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte/r´ vorstellen und schmackhaft machen. Genügend Potenzial für zukünftige Fachkräfte ist in vielen Bildungsgängen vorhanden“, so Schweer, die mit ihrem Team gezielt angehende Abiturienten, Fachabiturienten und Co. ansprechen will.

Ebenfalls angedacht ist bei genügend Interesse das Anbieten von „Schnupperunterricht“ für Interessenten oder auch die Herstellung von Kontakten zwischen Kanzleien und Schülern des BKB. „An dieser Stelle sind wir aber auch auf die Mitarbeit der Kanzleien angewiesen, die sich für so ein Konzept begeistern müssten“, nimmt Schweer die Anwälte in die Pflicht. „Wir sitzen alle in einem Boot: Kanzleien und Schule wollen den Bildungsgang am BKB halten, beide Parteien sind auf viele, motivierte Auszubildende angewiesen. Es ist fünf vor Zwölf!“

Gemeinsam mit starken Partnern wird das BKB also bis zuletzt gegen die Verlegung des Bildungsganges kämpfen, auch deshalb, um eine Erfolgsgeschichte weiterzuschreiben. „Zwar sind die Absolventenzahlen im Vergleich zu anderen Bildungsgängen gering. Dafür ist die Chance, eine erfolgreiche Prüfung zu absolvieren, bei uns dank kleiner Klassen, individueller Betreuung und qualifiziertem Unterricht sehr hoch.“, meint Vornefeld-Sühling, gleichzeitig Vorsitzender des Bottroper Prüfungsausschusses, abschließend. „Man könnte fast sagen: Wir sind klein, aber oho!“

Telefonnummer Anja Schweer: 02041-7062760

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